Während der Wechsel der thailändischen Jahreszeiten mir
bewusst macht, wie schnell die Zeit vergangen ist, schaue ich zurück auf ein
Jahr voller Erlebnisse, Erfahrungen und Abenteuer. Hier sind ein paar Geschichten über
Veränderungen, die Gutes verheißen und Ungewissheit bringen können. Über das
Schwitzen und Frieren, süße Früchtchen und Regencapes. Über städtischen Wandel,
die Definition von Heimat und meinen Abschied von Thailand.
Schwitzen bei 40°C, Frieren bei 27 °C
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Mangos machen die heiße Jahreszeit erträglich |
Wie
wahrscheinlich auch in allen anderen Teilen der Erde redet man auch in Thailand
gerne über das Wetter. Das Wetter bestimmt unsere Laune, unsere Vorhaben und
bietet ein wunderbares Smalltalk-Thema – und in einem fremden Land bringt es neue
Erfahrungen. Zentral- und Nordthailand sind von drei Jahreszeiten geprägt: dem
„Winter“ zwischen November und März, der heißen Zeit von April bis Mai und der
Regenzeit, die im Juni beginnt und im bereits im September, aber spätestens im Oktober
endet. Für uns Deutsche ist der thailändische Winter eine wunderbare
Jahreszeit. Auch in diesen Monaten erreichen die Temperaturen für deutsche
Verhältnisse immer noch sommerliche Werte, sodass T-Shirts und Flatterhosen
nicht im Schrank bleiben müssen.
Anfang
April aber ist der Winter vorbei und die Gespräche über das Wetter nehmen
deutlich zu: schließlich sind 40 °C auch für Thais kein Zuckerschlecken. Nicht
selten also wird man so begrüßt: „How are you? Today is very hot!“. Mit einer
flatternden Handbewegung und einem leidigen Gesichtsausdruck wird diese
Begrüßung noch einmal unterstrichen. Je wärmer es wird, desto mehr Schichten
Kleidung trägt man hierzulande übrigens. Denn im Gegensatz zu unserer Kultur
liebt man eine weiße Haut, die von der Sonne geschützt werden soll. Leider
hilft alles Reden über die Hitze nichts, die
Hot Season kommt, ob man will oder nicht. Aber für uns Freiwillige
gab es trotzdem einen Grund zur Vorfreude:
Hot
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Rainy Season
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Season = Mango Season!
Mangos gibt es in Thailand zwar das ganze Jahr über, aber nur in der heißen
Jahreszeit sind sie gelb, süß und wunderbar saftig. Jeden Tag, an dem ich mit
meinem Fahrrad gespannt an den Obstständen vorbei fuhr, wurden die Mangos ein
bisschen gelber. Irgendwann strahlten sie wie die Sonne und entschädigten
locker für das ständige Schwitzen. Inzwischen ist die Regenzeit eingekehrt.
Eingehüllt in Regencapes und ausgestattet mit Gummiflipflops schwingen wir uns
tagtäglich auf unser Fahrrad und fahren durch den warmen Regen. An einigen
Tagen regnet es kaum oder gar nicht, an anderen schüttet es wie aus Kübeln. Wir haben auch die
Strickjacken wieder aus dem Schrank geholt, denn es ist richtig kühl, wenn man
abends beim Essen sitzt. Schaut man auf das Thermometer, ist
man jedoch überrascht: Die Temperaturen erreichen immer noch weit über 20 °C!
Die Landschaft erstrahlt so langsam wieder in vollen Grüntönen und so erinnert mich nicht nur der Regen daran, wie es
war, als ich vor 10 Monaten nach Thailand kam und wie sich meine Zeit hier nun langsam dem Ende zuneigt…
Grenzenloses Wachstum? – städtischer Wandel
in Mae Sot
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Noch ist der Verkehr überschaubar in Mae Sot |
Es ist früh am
Morgen, halb sechs. Die Straßen von Mae Sot sind noch verschlafen, jediglich
ein paar Hunde streunen umher, einige Mönche sammeln Gaben. Ihre orange
leuchtenden Kutten setzen sich vom grauen Asphalt ab, wie die Blüte eines Löwenzahns,
der sich seinen Weg durch den steinigen Boden gebahnt hat.
Schon in einer
Stunde wird sich das Stadtbild verändert haben – Autos und Motorroller werden
über die Straßen düsen, Arbeiter auf den Baustellen ihre Arbeit aufnehmen und
es wird etwas sichtbar werden, von dem man nicht so recht weiß, ob es einem
gefallen soll: Wandel. Noch vor rund 15 Jahren war Mae Sot eine periphere
Kleinstadt. Die wirtschaftliche Bedeutsamkeit des Ortes beschränkte sich auf
den lokalen Handel, lediglich einige internationale Mitarbeiter von NGOs kamen
in die Stadt, um in den drei Flüchtlingslagern in der Region zu arbeiten. Mit
den politischen Veränderungen des Nachbarlandes Burma [Myanmar] und der
stetigen Auflösung wirtschaftlicher Sanktionen, begann die wirtschaftliche
Entwicklung und leitete den Wachstumsprozess der Stadt ein. 1997 eröffnete die
Thai-Myanmar Friendship Bridge, die sich symbolisch für diese
Veränderung über den Grenzfluss schwingt. Heute sagt man Mae Sot voraus, das
„Tor des Westens“ zu werden. Doch um soziale Probleme zu verhindern, muss bei
einer wachsenden Bevölkerung und ökonomischen Vorhaben auch an den Ausbau der
Infrastruktur bestimmter städtischer
Grundversorgungseinrichtungen gedacht werden. Schulen, Krankenhäuser,
öffentlicher Personennahverkehr – all das kann ohne Investitionen und Ausbau
nicht mit dem Wachstum mithalten. Die thailändische Bevölkerung soll sich laut
offiziellen Prognosen in den nächsten zwei Jahren fast verdoppeln. Von diesen
Prognosen
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Auf Müllkippen wie diesen arbeiten viele Migranten |
ausgeschlossen sind die Migranten, die über die Grenze von Burma nach
Thailand kommen, da die Lebens- und Arbeitsbedingungen besser als in
ihrem
Heimatland sind. Schätzungen zufolge leben rund 100 000 Migranten in
Mae Sot, jedoch varieren und ändern sich die Zahlen stark. Der Traum von einem besseren
Leben entpuppt sich oft als
unerreichbare Illusion. Genau diese Bevölkerungsgruppe steht bereits
heute
sozial am Rand der Gesellschaft und wird wohl kaum von den künftigen
Wachstumsprozessen profitieren. Migranten arbeiten auf der Mülldeponie
(Reportage "Der Müll und das Mädchen, derzeit abrufbar in der ZDF
Mediathek
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1813486/Der-Muell-und-das-Maedchen#/beitrag/video/1813486/Der-Muell-und-das-Maedchen und "The people of the Mae Sot dump site"
http://www.youtube.com/watch?v=5sX_mGtQXHQ), nähen
in Textilfabriken oder schuften auf Baustellen – und das für minimale Löhne,
ohne soziale Absicherungen und unter teilweise menschenunwürdigen
Arbeitsbedingungen. Auch lokale Geschäfte leiden unter der verstärkten
Konkurrenz, die durch die Eröffnung von großen Restaurant- und Supermarktketten
entsteht, denn sie können oftmals nicht mithalten. Zwar hoffen sie darauf, dass mit dieser
Entwicklung auch eine verstärkte Kundschaft in die Stadt strömt – schaut man
jedoch auf andere Länder und Städte mit einer derartigen Entwicklung wird man
feststellen, dass lokale Geschäfte ziemlich schnell vom Markt gedrängt werden.
Und so führen die Veränderungen in Mae Sot in die Ungewissheit und es bleibt
die Frage: Wie kann (wirtschaftliche) Entwicklung gelingen, ohne dass Menschen ausgegrenzt
werden?
Die Definition von Heimat – Flüchtlinge steuern in eine ungewisse Zukunft
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Auch in Umpiem Camp ist die Zukunft ungewiss |
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„Heimat ist dort, wo wir
uns verstanden fühlen und sein können, wer wir sind.“ – so lautete einer der
MISEREOR Fastenimpulse in diesem Jahr. Das Wort Heimat und dessen Bedeutung
begleitet mich schon meinen ganzen Freiwilligendienst über. Seit Januar arbeite
ich hauptsächlich mit einem Team von Sozialarbeitern in Mae La, dem größten der
neun Flüchtlingslager entlang der Grenze. Mehrmals in der Woche besuche ich
Menschen, die auf die Hilfe der vielen ansässigen NGOs besonders angewiesen
sind. Kranke, Alte, und Behinderte, Waisen oder alleinerziehende Eltern. Meine
eigenen Blickwinkel haben sich über die Monate verändert. Am Anfang wurde mir
vor allem bewusst, wie viel Freiheit wert sein kann. Ich habe mich von den
engen Gassen und der stickigen Luft im Lager erdrückt gefühlt und mir
vorgestellt, wie es ist in so einem Käfig zu leben. Dass dieser Käfig für eine
ganze Generation inzwischen Heimat bedeutet, konnte ich mir nicht vorstellen.
Erst mit der Zeit habe ich bei Begegnungen mit Flüchtlingen gelernt, wie weit für
manche ihre sogenannte Heimat Burma für sie weg ist. Man kann sich nicht
vorstellen, dass jemand gerne als Flüchtling in einem engen Lager lebt. „Mae La
ist mein zu Hause. Hier kann ich zur Schule gehen und habe Freunde. Ich habe
das Dorf aus dem meine Familie kommt noch nie gesehen. Ich kann mir ein Leben
dort nicht vorstellen.“
Solche Sätze
höre ich sehr oft von Flüchtlingen. In der Tat muss man sich vor Augen halten,
dass Burma weitaus weniger Chancen bietet als die Flüchtlingslager in Thailand. Es gibt kaum Bildungsangebote und wenig Arbeitsplätze – auch wenn sich das mit
der Öffnung des Landes vielleicht langsam ändert. Jedoch trauen viele der neuen
Regierung immer noch nicht und haben zu Recht Angst vor weiteren Konflikten und
der Nichteinhaltung von Menschenrechten und Gesetzen. Trotz der Friedensverhandlungen gibt es immer noch gewaltsame Kämpfe. Die
Menschen im Camp schauen einer ungewissen Zukunft entgegen. Immer wieder
schwirren Gerüchte umher, die die Schließung der
Temporary Shelters, wie die Camps offiziell heißen, durch die
thailändische Regierung in absehbarer Zeit vorhersagen. Spenderorganisationen
ziehen sich zurück und konzentrieren sich auf Projekte innerhalb Myanmars, die
die Rückkehr der Flüchtlinge in ihre „Heimat“ vorbereiten sollen sowie auf
Projekte außerhalb der Lager. Damit müssen viele Projekte des derzeit noch gut
ausgebauten NGO-Netzes in den Camps
gekappt werden. Die Abhängigkeit der Flüchtlinge von Hilfsorganisationen ist
groß – gerade nicht registrierte Flüchtlinge (circa 40%) verfügen über keine
Rechte außerhalb der Camps; sie sind nach thailändischem Recht Illegale. Die
meisten der 150 000 Flüchtlinge in Thailand verfügen außerdem über kein oder
ein zu geringes Einkommen, um eigenständig überleben zu können. Auch das
US-amerikanische
Resettlement Programm
schließt diesen Monat und nimmt damit vielen Flüchtlingen die Hoffnung, in ein
Drittland umsiedeln zu können. Bereits jetzt gibt es zwar Flüchtlingsströme
zurück nach Myanmar und weitaus weniger Neuankünfte, aber dennoch bleiben Tausende Flüchtlinge in den Camps, die auf
eine Versorgung angewiesen sind. Es gilt eine Balance zwischen Projekten innerhalb
der Camps sowie außerhalb und in Myanmar selber zu finden, was derzeit ein sehr
schwieriges Ziel ist.
So habe ich während
meines Freiwilligendienstes gelernt, wie paradox die Welt manchmal sein kann.
Leben in einem Flüchtlingslager bedeutet nicht nur Verlust von Freiheit,
sondern auch Gewinn von Freiheiten und Rechten.
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Kinder mit selbstgebasteltem Spielzeug |
Flüchtling sein bedeutet nicht
unbedingt Heimatverlust – sondern auch Heimatgewinn. Die Flüchtlinge leben in
zwei Welten: Vielen ist das Camp zu ihrer Heimat geworden. Es ist kein Käfig,
sondern ein Schutzbunker, in dem sie Zugang zu Bildung, Ernährung und Gesundheit
erhalten haben. Sie träumen davon nach Amerika zu gehen, sie träumen von einer
Ausbildung zu Arzt, die träumen davon, ein Stück Land in Burma zu bekommen, um
ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie träumen von Frieden und Freiheit und
Rechten. Was ist nun also Heimat? Heimat ist kein Ort auf unserer Welt, Heimat
ist im Herzen. Dort, wo wir uns verstanden fühlen.
Ankommen, wenn man fahren muss
"Warum kommt man eigentlich an, wenn man wieder fahren muss?", frage ich Martina als wir durch den Regen am Abend nach Hause fahren, und ein paar Tränen kullern mir meine Wange herunter. In 10 Monaten Freiwilligendienst in Mae Sot gab es viele Hürden, einige motivationslose Phasen, Ärgernisse und Versäumnisse, aber Heimweh hatte ich kein einziges Mal. Schließlich gab es mindestens genauso viele, nein eigentlich noch viel mehr wunderbare und einzigartige Erlebnisse, die ich niemals missen möchte. Was am Ende bleibt sind die Erinnerungen und Erfahrungen. Was man am Ende braucht, ist die Akzeptanz, zu gehen. Was man Ende nicht haben sollte, ist Panik nach Hause zu gehen. Erinnerungen und Erfahrungen sind das, was ich mir leicht fällt. Das mit der Akzeptanz und der Panik ist eher Theorie. Worte zu finden für das, was man in zehn Monaten in einem anderen Kulturkreis erlebt, ist schwierig. Es gab so viele Ereignisse, so viele Momente, von denen man erzählen möchte, aber die man wahrscheinlich nur nachvollziehen kann, wenn man sie miterlebt hat. Man kann es irgendwie einfach nicht in einem Blog-Artikel-Absatz packen und da ist dieses Gefühl, diese Befürchtung, dass man zu Hause eh nicht so richtig verstanden werden wird. Ein bisschen ist jeder einfach immer auf sich selber angewiesen, seine Erfahrungen zu reflektieren und für sich daraus zu lernen. Deswegen schließe ich meinen Artikel mit einem kleinen Sammelsurium an Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, ohne Anpruch auf Vollständigkeit.
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Es war eine zauberschöne Zeit. |
Ich bin gekommen, um zu lernen. Hatte Erwartungen, die nicht erfüllt werden konnten. Habe dafür gefunden, was ich nie erwartet hätte. Alles kommt immer anders als man denkt.
Ich bin gegen Mauern gelaufen, habe nicht weiter gewusst, mich verloren.
Ich hab die Kraft gefunden, um über Mauern zu springen und Wände einzureißen. Habe mich geöffnet und verändert.
Ich habe Freunde gefunden und Menschen getroffen, deren Geschichten mich berührt haben. Manche bleiben für immer, andere werden nur ein Lichtstrahl in der Ferne sein. Eine Erinnerung von vielen.
Ich habe gelernt, was eine kulturelle Barriere sein kann. Wie viel von mir selber ist durch meine Kultur bedingt? Wie viel davon kann ich ablegen? Wie viel davon möchte ich ablegen? Manche Fragen bleiben offen - für das nächste Abenteuer.
Ich habe getanzt, gesungen, geredet, gelacht und geweint. War offen, ruhig, glücklich, sorglos, frei, anspruchslos, schockiert, ratlos, entmutigt, traurig, freudestrahlend, unschlüssig, festgefahren, verschlossen und lebenslustig. War ganz ich selbst und doch ganz anders. Hab mich neu erfunden.
Eine Achterbahnfahrt.
Am Ende wird einem erst klar wie kostbar jeder Moment war. Ich möchte zurückschauen ohne Reue, meine Versäumnisse akzeptieren und die wunderbaren und glücklichen Augenblicke, alles was ich gelernt und erlebt habe in einen Koffer packen und mitnehmen.
Wer stets an der Vergangenheit festhält bleibt gefangen, aber wer sich erinnert und loslässt, kann frei sein. Schließlich ist jedes Ende ein neuer Anfang. Jeder Abschied die Türe in eine neue Welt.
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