Freitag, 21. Juni 2013

Gelbe Mangos, warmer Regen

Während der Wechsel der thailändischen Jahreszeiten mir bewusst macht, wie schnell die Zeit vergangen ist, schaue ich zurück auf ein Jahr voller Erlebnisse, Erfahrungen und Abenteuer. Hier sind ein paar Geschichten über Veränderungen, die Gutes verheißen und Ungewissheit bringen können. Über das Schwitzen und Frieren, süße Früchtchen und Regencapes. Über städtischen Wandel, die Definition von Heimat und meinen Abschied von Thailand. 

Schwitzen bei 40°C, Frieren bei 27 °C 

Mangos machen die heiße Jahreszeit erträglich
Wie wahrscheinlich auch in allen anderen Teilen der Erde redet man auch in Thailand gerne über das Wetter. Das Wetter bestimmt unsere Laune, unsere Vorhaben und bietet ein wunderbares Smalltalk-Thema – und in einem fremden Land bringt es neue Erfahrungen. Zentral- und Nordthailand sind von drei Jahreszeiten geprägt: dem „Winter“ zwischen November und März, der heißen Zeit von April bis Mai und der Regenzeit, die im Juni beginnt und im bereits im September, aber spätestens im Oktober endet. Für uns Deutsche ist der thailändische Winter eine wunderbare Jahreszeit. Auch in diesen Monaten erreichen die Temperaturen für deutsche Verhältnisse immer noch sommerliche Werte, sodass T-Shirts und Flatterhosen nicht im Schrank bleiben müssen. Anfang April aber ist der Winter vorbei und die Gespräche über das Wetter nehmen deutlich zu: schließlich sind 40 °C auch für Thais kein Zuckerschlecken. Nicht selten also wird man so begrüßt: „How are you? Today is very hot!“. Mit einer flatternden Handbewegung und einem leidigen Gesichtsausdruck wird diese Begrüßung noch einmal unterstrichen. Je wärmer es wird, desto mehr Schichten Kleidung trägt man hierzulande übrigens. Denn im Gegensatz zu unserer Kultur liebt man eine weiße Haut, die von der Sonne geschützt werden soll. Leider hilft alles Reden über die Hitze nichts, die Hot Season kommt, ob man will oder nicht. Aber für uns Freiwillige gab es trotzdem einen Grund zur Vorfreude:  Hot
Rainy Season
Season = Mango Season
! Mangos gibt es in Thailand zwar das ganze Jahr über, aber nur in der heißen Jahreszeit sind sie gelb, süß und wunderbar saftig. Jeden Tag, an dem ich mit meinem Fahrrad gespannt an den Obstständen vorbei fuhr, wurden die Mangos ein bisschen gelber. Irgendwann strahlten sie wie die Sonne und entschädigten locker für das ständige Schwitzen. Inzwischen ist die Regenzeit eingekehrt. Eingehüllt in Regencapes und ausgestattet mit Gummiflipflops schwingen wir uns tagtäglich auf unser Fahrrad und fahren durch den warmen Regen. An einigen Tagen regnet es kaum oder gar nicht, an anderen schüttet es wie aus Kübeln. Wir haben auch die Strickjacken wieder aus dem Schrank geholt, denn es ist richtig kühl, wenn man abends beim Essen sitzt. Schaut man auf das Thermometer, ist man jedoch überrascht: Die Temperaturen erreichen immer noch weit über 20 °C!  Die Landschaft erstrahlt so langsam wieder in vollen Grüntönen und so erinnert mich nicht nur der Regen daran, wie es war, als ich vor 10 Monaten nach Thailand kam und wie sich meine Zeit hier nun langsam dem Ende  zuneigt…


Grenzenloses Wachstum? – städtischer Wandel in Mae Sot        
               
Noch ist der Verkehr überschaubar in Mae Sot
Es ist früh am Morgen, halb sechs. Die Straßen von Mae Sot sind noch verschlafen, jediglich ein paar Hunde streunen umher, einige Mönche sammeln Gaben. Ihre orange leuchtenden Kutten setzen sich vom grauen Asphalt ab, wie die Blüte eines Löwenzahns, der sich seinen Weg durch den steinigen Boden gebahnt hat. Schon in einer Stunde wird sich das Stadtbild verändert haben – Autos und Motorroller werden über die Straßen düsen, Arbeiter auf den Baustellen ihre Arbeit aufnehmen und es wird etwas sichtbar werden, von dem man nicht so recht weiß, ob es einem gefallen soll: Wandel. Noch vor rund 15 Jahren war Mae Sot eine periphere Kleinstadt. Die wirtschaftliche Bedeutsamkeit des Ortes beschränkte sich auf den lokalen Handel, lediglich einige internationale Mitarbeiter von NGOs kamen in die Stadt, um in den drei Flüchtlingslagern in der Region zu arbeiten. Mit den politischen Veränderungen des Nachbarlandes Burma [Myanmar] und der stetigen Auflösung wirtschaftlicher Sanktionen, begann die wirtschaftliche Entwicklung und leitete den Wachstumsprozess der Stadt ein. 1997 eröffnete die Thai-Myanmar Friendship Bridge, die sich symbolisch für diese Veränderung über den Grenzfluss schwingt. Heute sagt man Mae Sot voraus, das „Tor des Westens“ zu werden. Doch um soziale Probleme zu verhindern, muss bei einer wachsenden Bevölkerung und ökonomischen Vorhaben auch an den Ausbau der Infrastruktur bestimmter städtischer Grundversorgungseinrichtungen gedacht werden. Schulen, Krankenhäuser, öffentlicher Personennahverkehr – all das kann ohne Investitionen und Ausbau nicht mit dem Wachstum mithalten. Die thailändische Bevölkerung soll sich laut offiziellen Prognosen in den nächsten zwei Jahren fast verdoppeln. Von diesen Prognosen
Auf Müllkippen wie diesen arbeiten viele Migranten
ausgeschlossen sind die Migranten, die über die Grenze von Burma nach Thailand kommen, da die Lebens- und Arbeitsbedingungen besser als in ihrem Heimatland sind. Schätzungen zufolge leben  rund 100 000 Migranten in Mae Sot, jedoch varieren und ändern sich die Zahlen stark. Der Traum von einem besseren Leben entpuppt sich oft als unerreichbare Illusion. Genau diese Bevölkerungsgruppe steht bereits heute sozial am Rand der Gesellschaft und wird wohl kaum von den künftigen Wachstumsprozessen profitieren. Migranten arbeiten auf der Mülldeponie (Reportage "Der Müll und das Mädchen, derzeit abrufbar in der ZDF Mediathek http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1813486/Der-Muell-und-das-Maedchen#/beitrag/video/1813486/Der-Muell-und-das-Maedchen und "The people of the Mae Sot dump site" http://www.youtube.com/watch?v=5sX_mGtQXHQ), nähen in Textilfabriken oder schuften auf Baustellen – und das für minimale Löhne, ohne soziale Absicherungen und unter teilweise menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen. Auch lokale Geschäfte leiden unter der verstärkten Konkurrenz, die durch die Eröffnung von großen Restaurant- und Supermarktketten entsteht, denn sie können oftmals nicht mithalten. Zwar hoffen sie darauf, dass mit dieser Entwicklung auch eine verstärkte Kundschaft in die Stadt strömt – schaut man jedoch auf andere Länder und Städte mit einer derartigen Entwicklung wird man feststellen, dass lokale Geschäfte ziemlich schnell vom Markt gedrängt werden. Und so führen die Veränderungen in Mae Sot in die Ungewissheit und es bleibt die Frage: Wie kann (wirtschaftliche) Entwicklung gelingen, ohne dass Menschen ausgegrenzt werden?

Die Definition von Heimat – Flüchtlinge steuern in eine ungewisse Zukunft 

Auch in Umpiem Camp ist die Zukunft ungewiss
„Heimat ist dort, wo wir uns verstanden fühlen und sein können, wer wir sind.“ – so lautete einer der MISEREOR Fastenimpulse in diesem Jahr. Das Wort Heimat und dessen Bedeutung begleitet mich schon meinen ganzen Freiwilligendienst über. Seit Januar arbeite ich hauptsächlich mit einem Team von Sozialarbeitern in Mae La, dem größten der neun Flüchtlingslager entlang der Grenze. Mehrmals in der Woche besuche ich Menschen, die auf die Hilfe der vielen ansässigen NGOs besonders angewiesen sind. Kranke, Alte, und Behinderte, Waisen oder alleinerziehende Eltern. Meine eigenen Blickwinkel haben sich über die Monate verändert. Am Anfang wurde mir vor allem bewusst, wie viel Freiheit wert sein kann. Ich habe mich von den engen Gassen und der stickigen Luft im Lager erdrückt gefühlt und mir vorgestellt, wie es ist in so einem Käfig zu leben. Dass dieser Käfig für eine ganze Generation inzwischen Heimat bedeutet, konnte ich mir nicht vorstellen. Erst mit der Zeit habe ich bei Begegnungen mit Flüchtlingen gelernt, wie weit für manche ihre sogenannte Heimat Burma für sie weg ist. Man kann sich nicht vorstellen, dass jemand gerne als Flüchtling in einem engen Lager lebt. „Mae La ist mein zu Hause. Hier kann ich zur Schule gehen und habe Freunde. Ich habe das Dorf aus dem meine Familie kommt noch nie gesehen. Ich kann mir ein Leben dort nicht vorstellen.“  Solche Sätze höre ich sehr oft von Flüchtlingen. In der Tat muss man sich vor Augen halten, dass Burma weitaus weniger Chancen bietet als die Flüchtlingslager in Thailand. Es gibt kaum Bildungsangebote und wenig Arbeitsplätze – auch wenn sich das mit der Öffnung des Landes vielleicht langsam ändert. Jedoch trauen viele der neuen Regierung immer noch nicht und haben zu Recht Angst vor weiteren Konflikten und der Nichteinhaltung von Menschenrechten und Gesetzen. Trotz der Friedensverhandlungen gibt es immer noch gewaltsame Kämpfe. Die Menschen im Camp schauen einer ungewissen Zukunft entgegen. Immer wieder schwirren Gerüchte umher, die die Schließung der Temporary Shelters, wie die Camps offiziell heißen, durch die thailändische Regierung in absehbarer Zeit vorhersagen. Spenderorganisationen ziehen sich zurück und konzentrieren sich auf Projekte innerhalb Myanmars, die die Rückkehr der Flüchtlinge in ihre „Heimat“ vorbereiten sollen sowie auf Projekte außerhalb der Lager. Damit müssen viele Projekte des derzeit noch gut ausgebauten NGO-Netzes in den Camps gekappt werden. Die Abhängigkeit der Flüchtlinge von Hilfsorganisationen ist groß – gerade nicht registrierte Flüchtlinge (circa 40%) verfügen über keine Rechte außerhalb der Camps; sie sind nach thailändischem Recht Illegale. Die meisten der 150 000 Flüchtlinge in Thailand verfügen außerdem über kein oder ein zu geringes Einkommen, um eigenständig überleben zu können. Auch das US-amerikanische Resettlement Programm schließt diesen Monat und nimmt damit vielen Flüchtlingen die Hoffnung, in ein Drittland umsiedeln zu können. Bereits jetzt gibt es zwar Flüchtlingsströme zurück nach Myanmar und weitaus weniger Neuankünfte, aber dennoch bleiben Tausende Flüchtlinge in den Camps, die auf eine Versorgung angewiesen sind. Es gilt eine Balance zwischen Projekten innerhalb der Camps sowie außerhalb und in Myanmar selber zu finden, was derzeit ein sehr schwieriges Ziel ist.  So habe ich während meines Freiwilligendienstes gelernt, wie paradox die Welt manchmal sein kann. Leben in einem Flüchtlingslager bedeutet nicht nur Verlust von Freiheit, sondern auch Gewinn von Freiheiten und Rechten.
Kinder mit selbstgebasteltem Spielzeug
Flüchtling sein bedeutet nicht unbedingt Heimatverlust – sondern auch Heimatgewinn. Die Flüchtlinge leben in zwei Welten: Vielen ist das Camp zu ihrer Heimat geworden. Es ist kein Käfig, sondern ein Schutzbunker, in dem sie Zugang zu Bildung, Ernährung und Gesundheit erhalten haben. Sie träumen davon nach Amerika zu gehen, sie träumen von einer Ausbildung zu Arzt, die träumen davon, ein Stück Land in Burma zu bekommen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie träumen von Frieden und Freiheit und Rechten. Was ist nun also Heimat? Heimat ist kein Ort auf unserer Welt, Heimat ist im Herzen. Dort, wo wir uns verstanden fühlen.

Ankommen, wenn man fahren muss 

"Warum kommt man eigentlich an, wenn man wieder fahren muss?", frage ich Martina als wir durch den Regen am Abend nach Hause fahren, und ein paar Tränen kullern mir meine Wange herunter. In 10 Monaten Freiwilligendienst in Mae Sot gab es viele Hürden, einige motivationslose Phasen, Ärgernisse und Versäumnisse, aber Heimweh hatte ich kein einziges Mal. Schließlich gab es mindestens genauso viele, nein eigentlich noch viel mehr wunderbare und einzigartige Erlebnisse, die ich niemals missen möchte. Was am Ende bleibt sind die Erinnerungen und Erfahrungen. Was man am Ende braucht, ist die Akzeptanz, zu gehen. Was man Ende nicht haben sollte, ist Panik nach Hause zu gehen. Erinnerungen und Erfahrungen sind das, was ich mir leicht fällt. Das mit der Akzeptanz und der Panik ist eher Theorie. Worte zu finden für das, was man in zehn Monaten in einem anderen Kulturkreis erlebt, ist schwierig. Es gab so viele Ereignisse, so viele Momente, von denen man erzählen möchte, aber die man wahrscheinlich nur nachvollziehen kann, wenn man sie miterlebt hat. Man kann es irgendwie einfach nicht in einem Blog-Artikel-Absatz packen und da ist dieses Gefühl, diese Befürchtung, dass man zu Hause eh nicht so richtig verstanden werden wird. Ein bisschen ist jeder einfach immer auf sich selber angewiesen, seine Erfahrungen zu reflektieren und für sich daraus zu lernen. Deswegen schließe ich meinen Artikel mit einem kleinen Sammelsurium an Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, ohne Anpruch auf Vollständigkeit.
Es war eine zauberschöne Zeit.

Ich bin gekommen, um zu lernen. Hatte Erwartungen, die nicht erfüllt werden konnten. Habe dafür gefunden, was ich nie erwartet hätte. Alles kommt immer anders als man denkt.

Ich bin gegen Mauern gelaufen, habe nicht weiter gewusst, mich verloren.

Ich hab die Kraft gefunden, um über Mauern zu springen und Wände einzureißen. Habe mich geöffnet und verändert.

Ich habe Freunde gefunden und Menschen getroffen, deren Geschichten mich berührt haben. Manche bleiben für immer, andere werden nur ein Lichtstrahl in der Ferne sein. Eine Erinnerung von vielen.

Ich habe gelernt, was eine kulturelle Barriere sein kann. Wie viel von mir selber ist durch meine Kultur bedingt? Wie viel davon kann ich ablegen? Wie viel davon möchte ich ablegen? Manche Fragen bleiben offen - für das nächste Abenteuer.

Ich habe getanzt, gesungen, geredet, gelacht und geweint. War offen, ruhig, glücklich, sorglos, frei, anspruchslos, schockiert, ratlos, entmutigt, traurig, freudestrahlend, unschlüssig, festgefahren, verschlossen und lebenslustig. War ganz ich selbst und doch ganz anders. Hab mich neu erfunden.
Eine Achterbahnfahrt.

Am Ende wird einem erst klar wie kostbar jeder Moment war. Ich möchte zurückschauen ohne Reue, meine Versäumnisse akzeptieren und die wunderbaren und glücklichen Augenblicke, alles was ich gelernt und erlebt habe in einen Koffer packen und mitnehmen.

Wer stets an der Vergangenheit festhält bleibt gefangen, aber wer sich erinnert und loslässt, kann frei sein. Schließlich ist jedes Ende ein neuer Anfang. Jeder Abschied die Türe in eine neue Welt.












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